Die Musikwelt verdankt dem Palazzetto Bru Zane seit Jahren einen enormen Zuwachs an vergessenem Repertoire in exzellenten Einspielungen, denn dort wird nicht nur geforscht und archiviert, sondern es wird Musik auch erlebbar gemacht – und zwar in extrem hochkarätigen Interpretationen. Davon macht auch die jüngste Produktion keine Ausnahme, die fünfaktige Oper „Les Danaïdes“, die Antonio Salieri 1784 für Paris komponiert hat. Das Werk ist in französischer Sprache gehalten, wenn auch von einem Italiener, der in Wien zu Hause war. Dass die Danaiden in der französischen Metropole zu einem Riesenerfolg wurden, hatte mit dem französischen Libretto weniger zu tun als mit der Tatsache, dass Salieri stilistisch dem bedeutenden Opernreformer Gluck gefolgt war. Außerdem wusste der Gast aus dem fernen Österreich mit der Stimme umzugehen und das Publikum durch wirkungsvolle Arien und Chöre zu begeistern.

Wenn auch Salieris Oper mit französischer Musik nur am Rande und mit Romantik rein gar nichts zu tun hat, ist es doch ein großes Verdienst des Palazzetto Bru Zane, dass man das Werk in der hochkompetenten Interpretation durch Christophe Rousset im Rahmen der wissenschaftlichen Arbeit zur Aufführung und Konserve gebracht hat. Roussets musikalisches Temperament wird in dieser Produktion einmal mehr aufs Glücklichste ergänzt durch eine Auswahl exzellenter Solisten und den in etlichen vergleichbaren Einspielungen bewährten Barockchor aus Versailles. Einmal mehr besticht eine CD-Veröffentlichung des Palazzetto nicht nur durch eine hervorragende Klangqualität, sondern auch durch eine Aufmachung, die dem künstlerischen Wert adäquat ist. Die auf 3.000 numerierte Exemplare limitierte Edition findet denn auch ihren adäquaten Platz nicht nur im Tonträger-, sondern auch im Bücherregal. Die Lektüre der aufschlussreichen Begleittexte setzt allerdings fundierte Englisch- oder Französischkenntnisse voraus.

Arnd Richter