In diesen vorzüglichen Einspielungen recht unterschiedlicher Werke verwandelt sich der bekannt-berüchtigte, mitunter allzu überschwängliche Bombast der Skrjabin᾽schen Sinfonik durch eine eindrucksvoll-subtile Dramaturgie orchestraler Timbrierung faszinierend in eine vielgestaltige Klangkunst. Mikhail Pletnev interpretiert mit verschiedenen klanglichen Intensitäten, und so können gerade auch im „Poème de l’extase“ die leiseren, verhaltenen Teile eine ungewohnte Spannung erhalten. Die Interpretation verdeutlicht in solchen Teilen, dass eine gleichsam lauernde, spürbar sich noch zurückhaltende Intensität eindringlicher zu wirken vermag als ein tumultöser Ausbruch in roh-krachender Lautstärke.

Dazu bedarf es freilich auch einer ungemein differenzierenden orchestralen Spielkultur, über die das blendend aufspielende Russian National Orchestra reichlich verfügt. Die sehr fein artikulierenden, oft auch solistisch musizierenden Holzbläser (jeweils Erste Flöte, Oboe und Klarinette) verdienen ebenso ein Sonderlob wie Vladislav Lavrik als Erster Trompeter. Er intoniert seinen anspruchsvollen Part im Poème ebenso kammermusikalisch-intim wie ekstatisch-aufgeregt. Die ambitionierte Erste Sinfonie wirkt dagegen kompositorisch noch recht konventionell; und die erhoffte kumulierende Wirkung durch das Hinzuziehen von Vokalstimmen im Finalsatz vermag sich nicht richtig einzustellen. Doch tragen diese Vokalstimmen in den sinfonischen Duktus der Musik gewissermaßen menschliche Wärme und Gefühle hinein, die erheben: Das alles ist phänomenal interpretiert!

Giselher Schubert