Kaum ein Komponist war bis ins hohe Alter für neue Ideen so empfänglich wie Telemann. Wo andere ihren einmal entwickelten Stil auf hohem Niveau pflegten oder sich in den Ruhestand begaben, schlug er noch einmal völlig neue Wege ein. Inspiriert wurde er unter anderem von den Dichtungen Carl Wilhelm Ramlers, die von den Idealen und der literarischen Ästhetik der Aufklärung geprägt waren und sich durch eine besondere Mischung aus Empfindung und Formgefühl auszeichneten. So machte er 1765/66 aus Ramlers „Ino“ eine grandiose Opernszene mit furiosen Accompagnato-Rezitativen, ausdrucksstarken Da-capo-Arien und Tänzen bzw. Tanzfragmenten. Dass hier ein rund 85-jähriger Komponist am Werk ist, mag man kaum glauben; es klingt eher nach dem kühnen, impulsiven Entwurf eines jungen Wilden.

Bei Michael Schneider und seiner Stagione Frankfurt ist Telemanns Musik immer in besten Händen. Ein Vergleich mit Reinhard Goebels legendärer Einspielung aus dem Jahre 1989 drängt sich auf: Wo dieser seine Musica Antiqua Köln zu stahlharter Präzision drillte und bezüglich der Tempowahl an die Grenzen des Machbaren trieb, setzt Schneider auf einen natürlichen Impetus und auf Gesten, die bei aller Vehemenz nicht oberflächlich oder effektheischend wirken. Die rumänisch-schweizerische Sopranistin Ana Maria Labin fügt sich mit ihrem glühenden Timbre und ihrer gestalterischen Souveränität perfekt in dieses Konzept ein; Barbara Schlick bleibt aber in der Vergleichsaufnahme dank ihrer besonderen Empfindsamkeit immer noch hörenswert.

Mit der D-Dur-Suite aus dem Jahre 1763 huldigt Schneider seinem Faible für jene Orchesterwerke, in denen Telemann zwei Traversflöten und Fagott als Solisten einsetzt. Auch hier findet sich ungewöhnlich moderne Musik, etwa in der stimmungsvollen Plainte, die der Komponist etwas keck mit einer altertümlichen Gaillarde kombiniert und die von Schneider schlichtweg vorbildlich interpretiert wird.

Matthias Hengelbrock