Magische Momente

In Zeiten, in denen der Jazz nur wenig Neues hervorbringt, lohnt sich der Blick ins Archiv, bringt im Idealfall so manche Perle zutage.   Die 33 Jahre alte Aufnahme aus der Konzerthalle des Nakano Sun Hotel in Tokyo darf man getrost als Juwel bezeichnen. Ein besonders wertvolles, weil   das bisher veröffentlichte Werk des europäischen Keith Jarrett Quartetts nur ganze vier Produktionen umfasst. Mit »Belonging«   setzte die Gruppe schon 1974 nicht nur für das Label ECM, sondern auch für den europäischen Jazz einen Markstein. Den mitunter ermüdenden Hard Bop amerikanischer Lesart überwindend und gleichzeitig den damals in Mode gekommenen Fusion-Jazz negierend,   gelang es dem Quartett die Ohren eines jungen Publikums zu öffnen und für den Jazz zu begeistern.

1979 glänzte die Gruppe, bestehend aus Jan Garbarek (Saxophon), Jon Christen ­sen (Schlagzeug), Palle Danielsen (Bass) und Jarrett,   im New Yorker Village Vanguard,   dem Kultort des modernen Jazz schlechthin (dokumentiert auf dem Doppel ­al ­bum »Nude Ants«). Erst zehn Jahre später folgte mit »Personal Mountains« ein Live-Konzert, das wenige Wochen vor dem New Yorker Gig in Tokyo   aufgenommen worden ist. Nun, weitere 23 Jahre später, überrascht ECM mit »Sleeper«, einem bisher unveröffentlichten Mitschnitt aus jenen Tagen in Japan, der bis dato im Archiv vor sich hinschlummerte.

Jeweils vier von den sieben Jarrett-Kom ­positionen finden sich bereits auf der 79er-Scheibe, die ECM übrigens erst kürz ­lich als Vinyl neu aufgelegt hat. Während »Personal Mountains« und »Chant Of The Soil« in brillanten, aber durchaus ähnlichen Interpretationen erklingen, demonstrieren »Oasis« und »Innocence« das phänomenale Impro ­visationsvermögen dieser Gruppe. Un ­ge ­wöhnlich vor allem deshalb, weil sich die vier Musiker nicht aneinander reiben, wie es bei improvisierenden Jazzern meist üblich ist, sondern vielmehr atmen und pulsieren, als ob sie an einer gemeinsamen Herz-Lungen-Maschine angeschlossen wären.

Mit einem langen Intro zu »Innocence« führt das Quartett zunächst in die Irre, bevor Jarrett mit seinem unvergleichlichen Anschlag den Steinway zum Singen bringt und das wunderschöne Thema in den Konzertsaal entschweben lässt. Über ­all auf der Welt hätte   das Publikum diesen atemberaubenden Moment wahrscheinlich ruiniert, um mit seinem Klatschen seine Kennerschaft zu demonstrieren. Nicht so in Tokyo, wo das Publikum wie gebannt einer Zen-Zeremonie zu lauschen scheint. Es ist schon viel über die Disziplin des japanischen Publikums geschrieben worden. Hier unterstützt es einen magischen Moment, der allein schon diese Doppel-CD zum Ereignis macht.

Reiner H. Nitschke