Neudeutung

Es braucht nicht viel, um ein Gi ­tar ­ris ­tenherz höher schlagen zu lassen: die aufsteigende Basslinie auf der A-Sai ­te von h nach e, begleitet von dem immer gleichen rhythmisch angeschlagenen Akkord der oberen Leersaiten g, h, e. Und doch liegt in diesem kleinen sehnsüchtigen Anfang das Herz eines ganzen Kosmos. Es ist das des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lo ­bos (1887 bis 1959), dessen Faszination auf Gitarristen deshalb so stark ist, weil er so exotisch klingt, so unendlich anders als vieles, was sich an Literatur schnell im iberischen Idiom erschöpft. Heitor Villa-Lobos spielte selbst hervorragend Gitarre, seine Werke sind sozusagen direkt auf dem Griffbrett komponiert.

Und trotzdem: Für Johannes Tonio Kreusch, dem 1999 sein internationaler Durchbruch mit Werken von Villa-Lobos gelang, blieben Zweifel: »Ich hatte«, so Kreusch, »immer das Gefühl, dass in dieser Musik mehr steckt, als die bekannten Interpretationen meist präsentiert haben.« Er besorgte sich die Original ­ma ­nuskripte, verglich sie mit den gängigen Ausgaben und stellte zahlreiche Unre ­gel ­mäßigkeiten in den Abschriften fest. Hier korrigiert er die Präludien, was ungefähr den gleichen Effekt hat, als würde ein Pia ­nist Liszts Werke in einen unbekannten Ur ­zustand versetzen. Zwar ergeben sich keine »neuen« Stücke, aber manche Fär ­bung scheint jetzt plausibler. Zusätzlich sind wiederentdeckte Stücke und Frag ­men ­te zu hören. Kreusch brilliert mit warmem, rundem Ton, dehnt die Tempi, ist auf der Suche nach seiner ganz eigenen Villa-Lo ­bos-Sprache. Er öffnet nachdenklich introspektive Perspektiven, reizt poetische Momente aus. Bei dem kubanischen Kom ­ponisten Tulio Peramo Ca ­brera gab er zusätzlich fünf Préludes als Hommage an Heitor Villa-Lobos in Auf ­trag. Sie sind mehr als ein schönes, temperamentvolles Aperçu.

Tilman Urbach

Foto: Jessica Backhaus/MUSICJUSTMUSIC
Foto: Jessica Backhaus/MUSICJUSTMUSIC

Johannes Tonio Kreusch

Der Gitarrist Johannes T. Kreusch lässt sich nur schwer in eine Schublade stecken. In der Klassik ebenso zu Hause wie im Jazz, findet er sich regelmäßig mit seinem Bru ­der, dem Pianisten Cornelius Claudio Kreusch, zu musikalischen Pro ­jek ­ten zusammen. Neben seiner Tätgkeit als Gitarrist ist Johannes T. Kreusch auch als Komponist aktiv und ist Verfas ­ser mehrerer gitarrenpädagogischer Veröffentlichungen.